Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
Wer jeden Morgen im Spiegel nur Falten sucht, wird sie finden. Mit Ländern verhält es sich ähnlich. In Deutschland gehört die Klage inzwischen zum Alltag wie das Wetter. Die Schule ist marode, das Amt braucht Wochen, die Bahn kommt immer zu spät, die Straßen und Brücken sind kaputt. Vieles davon stimmt, und niemand muss es schönreden. Problematisch wird es, wenn aus der Summe der Ärgernisse ein Urteil über das Ganze entsteht: Der Staat ist am Ende, nichts geht mehr, alles ist verloren. Dieses Urteil hält keiner Prüfung stand. Es prägt aber die Stimmung, und Stimmung wirkt politisch.
Denn wer überzeugt ist, dass nichts mehr funktioniert, sucht keine Lösungen mehr. Er sucht Schuldige. Und er hört denen zu, die einfache Antworten versprechen. Die AfD lebt davon. Sie muss kaum etwas beweisen. Es genügt ihr, jede Panne zum Beweis dafür zu erklären, dass „das System“ faul sei. Aus dem Ärger über einen Einzelfall wird so ein Argument gegen die Demokratie.
Dabei verlangt die Demokratie ihren Bürgern etwas Unbequemes ab. Sie arbeitet langsam. Sie schließt Kompromisse, die niemanden ganz zufriedenstellen. Neben einer Partei, die Tempo und Härte verspricht, wirkt das schwach. Es ist aber der Preis dafür, dass Macht kontrolliert bleibt und Fehler korrigiert werden können. Ein Verfassungsgericht, das Regierungen Grenzen setzt, und eine Presse, die nachfragt, nerven manchmal. Dauerhaft schützen sie.
Kritik an Missständen bleibt nötig. Wer jedoch nur noch den Verfall sieht, übersieht das Fundament. Dieses Land lebt seit mehr als 80 Jahren in Frieden. Es hat eine Verfassung, die aus bitterer Erfahrung entstand, und Institutionen, die Krisen überstanden haben. Das verdient Verteidigung, und zwar mit Selbstvertrauen. Eine Demokratie, die an sich selbst zweifelt, macht es ihren Gegnern leicht.
Das Tagblatt-Team wünscht Ihnen ein schönes Wochenende!
Weiterlesen? Den ausführlichen Artikel lest Ihr in der Ausgabe vom 24. Oktober 2026