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Paradiesvogel, Globetrotter, Fußballtrainer – Rudi Gutendorf

"Machen Se et jut" im Verlag Die Werkstatt

Von Kurt Claus

Es war an einem kalten Dezembertag 1976, das letzte Vorrundenspiel auf dem Betzenberg fand vor knapp 8000 Zuschauern statt. Schon nach 30 Sekunden stand es 1:0 für den 1. FC Kaiserslautern durch Seppl Pirrung, am Ende siegten die Roten Teufel 3:1 gegen TB Berlin, den Aufsteiger. "Wir haben in der ersten Halbzeit guten Fußball gespielt, die Situation ist für uns nicht rosig, doch mit den Neueinkäufen glaube ich, dass wir noch den einen oder anderen Punkt holen können." Rudi Gutendorf sagte dies nach dem Spiel und es war das erste Mal, dass ich ihm persönlich begegnete, dem Weltenbummler in Sachen Fußball. Von ihm, dem "Riegel-Rudi", hörte man in den nächsten Jahren noch sehr viel, Tennis Borussia Berlin ist wieder in den Niederungen des Fußballs verschwunden.

In der Bundesliga taktierte er zwar schon mit dem Meidericher SV gleich im ersten Jahr, Stuttgart, Schalke, Offenbach, 1860 München waren Stationen in Deutschland, doch was an diesem Fußball-Verrückten so faszinierte, war seine ganze Erscheinung, seine Kunst der Selbstdarstellung. Was hatte er bis dahin nach seinen Anfängen beim damals phänomenalen TuS Neuendorf, der den Großen das Fürchten lehrte, nicht schon alles erlebt. Paradiesvogel, Globetrotter, Weltenbummler, Weltstreicher, für ihn gibt es so viele Bezeichnungen wie Trainerstationen in seinem erfüllten Fußballer-Leben.

Der Göttinger Verlag Die Werkstatt hat einen reichlich betexteten Bildband aufgelegt mit einer ganz außergewöhnlichen Fotosammlung auch aus dem Privatarchiv Gutendorfs. In drei Kapitel ist das Buch gegliedert: Wurzeln, Über fünf Kontinente und Begegnungen. 55 Stationen in 58 Jahren – von Antigua bis Zimbabwe, von Zürich bis Australien heißt es da unter anderem und jeder Fußball-Fan taucht unweigerlich ein in die Geschichten, denn es ist neben Gutendorfs persönlichen Erfahrungen auch die Entwicklung des Fußballs schlechthin.

Die Mannschaften, Spieler und Trainer erzeugen die Euphorie der Massen am Sport und nicht die eventmäßigen Begleiterscheinungen faszinieren. Wie etwa, wenn Gutendorf vom 3:2-Erfolg des TuS Neuendorf über Schalke 04 erzählt, wobei die Gäste im Stadion Oberwerth für drei Kisten Moselwein anreisten. Nachkriegserlebnisse einer Mannschaft, die von Horst Eckel damals technisch noch besser eingeschätzt wurde, als der dominierende 1. FC Kaiserslautern. Gutendorf spielte damals in Neuendorf auf der Außenposition.

Solche Geschichten fesseln den Fan in der Nostalgie und dies wird mit reichlich Bildmaterial noch betont. Aber neben den deutschen Trainerstationen wurde er vor allem durch seine Auslandsaufenthalte berühmt-berüchtigt. 1961 begann diese Zeit mit dem Engagement in Tunesien, wohin ihn das Auswärtige Amt schickte. Es war die Zeit des Kalten Krieges, da auch die Sowjetzone die Sportförderung als geeignetes Mittel ansah, bei den Entwicklungsländern Pluspunkte zu sammeln, wie er selbst in seinem Vorwort schreibt. Im Auftrag des Nationalen Olympischen Komitees, des Deutschen Fußball-Bundes oder der FIFA war er unterwegs, war eine Zeit lang Mitbetreiber der verrückten amerikanischen Profiliga, trainierte in den bolivianischen Anden, erlebte den blutigen Militärputsch in Chile mit, war auf den Südsee-Inselns ebenso zu Hause wie in Japan oder Australien. Rudi Gutendorf beschreibt und zeigt seinen Weg "vom Deutschen Eck in alle Welt". Und er erinnert an echte Fußball-Typen wie Helmut Rahn oder Reinhard "Stan" Libuda. Für Fußballfans lesens- und betrachtenswert.

Rudi Gutendorf: "Machen Se et jut" - Vom Deutschen Eck in alle Welt, Verlag die Werkstatt, Göttingen, 2004, 184 Seiten, 23 x 30 cm, Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Fotos durchgehend vierfarbig, ISBN 3-89533-471-5, Euro 29,90.

 

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